Epsteins Wohnung in Manhattan: Gold muss schon sein. BIld: FBIEin paar unverantwortliche Bemerkungen zu Macht und Verantwortung.
1. Wenn der Fall Epstein bzw. seine zunehmende Veröffentlichung die Eliten des Westens inklusive Präsidenten, Aristokraten, Finanzoligarchie, Medienmogule ein wenig zu kompromittieren droht, dann bedeutet das für verantwortungsvolle Denker der westlichen Leitmedien (vgl. z.B. NZZ vom 10.02.) nur eines: Russland war’s! Beweis: Cui bono?
2. Besorgniserregend daran ist die Bereitschaft der freien Welt und ihrer freien Presse zur Selbstimmunisierung gegen Fakten, die das halluzinierte Selbstbild des eigenen Vereins und seiner Eliten auch nur sanft ankratzen könnten.
3. Weil nämlich nicht sein kann, was nicht sein darf, geht’s offenbar mit dem Teufel zu. Was ansonsten gerne zur Diskreditierung abweichender „Narrative“ ins Feld geführt wird, ohne sich die Mühe ihrer Widerlegung zu machen, das ist in diesem Fall schlicht geboten: Die Selbstimmunisierung erfolgt durch eine waschechte Verschwörungstheorie.
4. Nicht besser steht es um jene, die die unschönen Fakten zwar anerkennen, um sich aber im gleichen Augenblick angewidert vom eigentlichen Fall abzuwenden.
5. Für sie handelt es sich bei Epstein, Gefährtin und Geschäftspartnern um eine schreckliche Ansammlung von Perversen – ohne das geringste Interesse an den Gründen und Grundlagen ihrer „Perversion“. Die mehr- oder minderjährigen Girls auf den Schößen der Reichen und Mächtigen gelten ihnen spiegelbildlich als unfreiwillige Opfer eines Verbrechens, das ganz und gar nichts mit den üblichen Gepflogenheiten ihrer feinen Gesellschaft zu tun hat – kaum wird die Arschkriecherei wortwörtlich als private Chance praktiziert.
6. Dabei sind die Motive der Beteiligten gar nicht so weltfremd und unverständlich, wie es nun das Unverständnis aller Welt glauben machen will.
a) Die „Vernetzung“ der Agenten von Geld und Gewalt ist die Basis ihrer Erfolge, weil sie sich nun mal wechselseitig brauchen: Das Geschäft der Reichen beruht auf den Entscheidungen der Mächtigen. Und deren Macht beruht auf dem Geschäft der Reichen. Journalisten brauchen die Nähe zu den Machern für ihre Storys und die Macher brauchen gute Presse. Und alle brauchen Vitamin B, um als Agenten ihrer Sache in Konkurrenz zu ihresgleichen voran zu kommen. Dabei sind sie auch auf Makler angewiesen, die sich das Ihre vom Arrangement ausrechnen. Ein solcher war Jeffrey Epstein. Und an ihm kam zusehends keine/r mehr vorbei, der oder die nach oben wollte.
b) Dabei ist allen Beteiligten selbstverständlich, die eigenen Interessen auf der Basis der spezifischen Erpressungsmacht als „Chancen“ für jene vorstellig zu machen, die man für die eigenen Zwecke zu instrumentalisieren sucht: Arbeitsplätze, Steueraufkommen, Investitionen, Rechtssicherheit, Subventionen, Zölle, Wahlkampfhilfe, Folgeaufträge, Kontakte, Renommee, internationales „Engagement“ etc. pp.
c) Arbeit ist für die Manager von Staat und Kapital daher vor allem schwerste Beziehungsarbeit. Da kommt es auf Tuchfühlung, Fingerspitzengefühl und echtes Vertrauen an, gerade weil und nicht obwohl man sich begründet misstraut. Und Vertrauen ist gerade dann gegeben, wenn sich alle Beteiligten auch mal von ihrer verletzlichen, von ihrer weichen Seite zeigen…
d) Beziehungsarbeit und Vertrauen brauchen weder Blaumann noch weiße Weste. Viel nützlicher ist da schon die Bereitschaft, sich wechselseitig kompromittierbar zu machen. Zum Beispiel durch einen Verstoß gegen jene sittlichen Maßstäbe und Werte, in deren Namen man den Rest der Welt verantwortungsvoll terrorisiert.
e) Nichts liegt da näher, als das Schöne mit dem Nützlichen zu verbinden, um die Steifheit von Verhandlungen zu entspannen – zumal es ja auch Chancen für junge talentierte Models bietet.
f) Fotos der Ereignisse, die Beteiligung von Geheimdienstlern und Zeugen aus den Eliten der ganzen Welt dürften insofern kein Kollateralschaden, sondern Geschäftsgrundlage von Orgy-Island gewesen sein.
7. Nicht nur die Berechnungen der beteiligten Verantwortungsträger sind ganz von dieser besten aller Welten, die es bekanntlich gegen „autoritäre Regime“ zu verteidigen gilt. Die Berechnungen ihrer Opfer sind es auch: Erst reißen sich diese (in berechnender Hingabe) den sprichwörtlichen A. auf, um per Modelagentur u.ä. in den Dunstkreis der Mächtigen zu kommen und dann werden sie von der feinen Gesellschaft – eigentlich wenig erstaunlich – eben auch in den selbigen ge# ! Hoffnung und Enttäuschung liegen eben oft dicht nebeneinander und manchmal sogar unter einer Decke im selben Bett.
8. Dabei wäre die Geschichte übrigens vermutlich für alle Beteiligten rühmlich ausgegangen – und viele Täter und Opfer hatten sich damit ja auch bereits gerühmt – wenn nicht …
a) nach langen Abwehrversuchen die Justiz unter dem Druck des neuen Zeitgeistes (Stichwort: #me too) eine Neubewertung jener Anzeigen vorgenommen hätte, die sie zuvor so professionell abgeschmettert hatte;
b) das ganze darüber öffentlich verhandelte Schlamassel zum Material des Machtkampfes zwischen den Eliten des politischen Amerikas avanciert wäre;
c) und schließlich in der uneingeschränkten Veröffentlichung der dokumentierten Perversionen durch die US-Regierung unter Trump gemündet wäre.
Was einst als wechselseitige Versicherung gedacht war, hat sich inzwischen in sein Gegenteil verkehrt. Die „Epstein-Files“ liefern den verfeindeten und konkurrierenden Saubermännern und Sauberfrauen inzwischen überreichlich das Material ihrer wechselseitigen Diskreditierung. Und deshalb und nur deshalb will inzwischen auch niemand mehr etwas mit seinem alten Kumpel Jeffrey und seiner schönen Gefährtin zu tun haben. Fast könnte man von einer glücklichen Fügung sprechen, dass der gute alte Epstein in Untersuchungshaft tragisch verstarb und einfach nichts Kompromittierendes mehr sagen kann. Nun ja.
Die seltsame Ironie des Falles: Die tatsächlich relevante Brutalität der Beteiligten, nämlich ihre Kommandogewalt über das Schicksal ihrer Untergebenen, ihr Kommando über die globale Arbeiterklasse, über Krieg und Frieden, über Konjunktur und Krise, über Hunger und Elend – also mehr oder weniger über das Leben und Sterben der gesamten Welt – und die spiegelbildliche Bereitschaft der Untergebenen, nämlich jede Sauerei als persönliche Chance zu interpretieren, verblasst am bornierten Maßstab der Völker, ob die Eliten diese ihre Macht auch genau so glaubwürdig, fromm, moralisch und mit weißer Weste verkörpern, wie es die braven Knechte und Mägde im Gegenzug für ihre treuen globalen Dienste von ihrer Herrschaft erwarten dürfen.
Prof. Dr. Arian Schiffer-Nasserie ist Politikwissenschaftler. Schwerpunkte: Sozial-, Migrations-, und Flüchtlingspolitik. Mehr Beiträge von Arian Schiffer-Nasserie →
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